TRACKS

Auswahl aus der Serie


Wie bekommt das Gehölz seine Gestalt? Wie verhält es sich mit dem Licht, das, scheinbar von einer unsichtbaren Sonne gelenkt, dem Auge erst die eine, dann die andere Seite des Stammes offenbart? Und was war mit den verschwiegenen Abdrücken? Waren sie da? Sind sie immer noch? Oder werden sie erst sein? Die aktuelle Serie von Tuschezeichnungen der Künstlerin, Petra Polli, folgt, meiner Meinung nach, den oben gestellten Fragen, hält mit ihnen Schritt. Nicht umsonst wählt die Künstlerin den Titel Tracks für diese Serie. Verschwommene Konturen schwarzer Abdrücke durchlaufen hier Dickicht und Wald. Hinter jedem Baumstamm könnte das Tier lauern. Könnte. Man bleibt trotzdem allein. Man bleibt gerne allein. Mal lichtet sich für einen Moment das scheinbar verworrene Gestrüpp, lässt einen Lichtstrahl eine unscheinbare Wasseroberfläche mitsamt seiner Reflexion ins Auge hineintanzen. Dann schließt sich der Kreis und man befindet sich wieder im Wald. Man trifft auf Pollis unantastbare Melancholie, die zur Sprache ihres Werkes geworden ist. Wie keine andere verknüpft die Künstlerin das Unbewusste mit dem konkreten Spiel zwischen Pinsel und Papier: Die schwarze Farbe als Brücke, als Eintrittskarte für einige Augenblicke vollkommener Ruhe. Diese Ruhe verbindet die Tuschezeichnungen mit einer tieferen Philosophie. Zen wäre hier kein abwegiges Wort. Die japanische Tradition der Kalligraphie, Shodo. Man denkt an alte Meister des Ostens, die ihr ganzes Wesen unter die Tusche vergraben haben: Muso Soseki, „Keine weitere Bedeutung“. Und vielleicht liegt hier auch der Schlüssel zu dieser Serie. Vielleicht braucht diese eindrucksvolle Natur, die Polli geschaffen hat, keinen Betrachter wie mich. Vielleicht braucht sie niemanden. Sie genügt sich selbst. Und genau das macht jedes einzelne Bild, wenn man sich auf diese besinnliche Reise macht, zu einer Erfahrung, die man in unserer von Zeitmangel und Schnelligkeit geplagten Welt nur noch selten erfährt.
Marko Dinic

info@petrapolli.com